Das schlampige Sonett von der Bockigkeit

Ich zeige mich nicht
und seh dich nicht an.
Ich geh nicht ins Licht,
geh nicht in den Tann.

Ich bin heut verstockt
und misslich gelaunt.
Vier Stunden gehockt
und darüber gestaunt:

Denn eigentlich ist alles fein.
Mein Fell ist geleckt extrarein,
das Schwarz wie der Himmel am Meer.

Kein Barthärchen ist abgeknickt
kein Waschbär hat mir zugenickt.
Jedoch: Alle Näpfe sind leer!

Neu bei Nitzsche

Die zweite Impfung hatte es in sich.

Aufgrund der aktuellen Diskussionen zur Kundengesundheit weisen Wir, A. Nitzsche, Getränkehändler in Machern (man muss nur machern), darauf hin, dass der Hofknecht vollständig immunisiert ist und damit keine virale Ansteckungsgefahr besteht. 1. Impfung Marxismus (inkl. Engels), 2. Impfung Leninismus, 3. Impfung Trotzkismus, jeweils vorgenommen im revolutionären Impfzentrum. Die Auffrischungsimpfung Stalinismus bleibt dem Führungspersonal (Nitzsche) vorbehalten. Achtung: Die Gefahr des Überrollens mit Flurförderzeugen ist damit nicht gebannt. Ende der Durchsage. Nitzsche, Chef

Der konfuse Bauherr

Ich will bauen, drum brauch ich
einen Anbau-Kipper,
einen Teller Eierstich
und Italo-Slipper.

War ein Scherz. Es fehlen mir
nur noch Mörtel, Ziegel,
Nägel, Holz, Gehilfe, Bier,
ein Massage-Igel

und zum Richtspruch ein Gedicht.
Daran wirds wohl scheitern.
Denn gut reimen kann ich wohl,
aber nichts mit Leitern.

Die Einmischung der Vergangenheit

Multifunktionsgerät (Beispielfoto)

In einer der langweiligen Videokonferenzen, die der Chef ausrichtete, um seine „geliebten Mitarbeiter, diese Hohlköpfe und Nichtsnutze“ auf gnadenlose Profitmaximierung einzuschwören, las der kleine Herr Schönleben nebenbei einen Bericht über die Gewohnheiten der Angestellten im letzten Jahrtausend. So schien man damals insgesamt viel aufsässiger gewesen zu sein, und auch lustiger Schabernack war wohl viel mehr fester Bestandteil des betrieblichen Lebens als heute. So galt es als Höhepunkt des Tages, sich mit dem nackten Arsch auf den Kopierer zu setzen und die Ausdrucke per Fax überall hin zu versenden. 

Als leicht zu begeisternde Kreativkraft sprang der kleine Herr Schönleben sofort auf das neben dem Laptop befindliche Multifunktionsgerät, setzte sich ohne Zwickel auf die Glasplatte, genoss das Gefühl, als der gleißende Lichtstrahl seinen Körper von unten illuminierte, und druckte das Abbild sofort aus. Begeisterung! 

Der Art Director, über das kurzzeitige Fehlen des Schönleben auf dem Bildschirm verärgert, forderte Aufklärung, die er in Form der Behauptung des S. erhielt, jener arbeite eben nebenbei an der Kampagne für Sanitär-Rottemöller, wobei er das surreal verfremdete Abbild seines Hinterns triumphierend über dem Kopf schwenkte.

Einen so schönen Arbeitstag für alle außer die Großkopferten hatte es in der Agentur schon lange nicht mehr gegeben. 

Von der Schweinwerdung

Karl Gong hatte seinen Wagen auf den Rücken gelegt, nicht ohne vorher den guten, in Istanbul erworbenen und tatsächlich problemlos verschickten Teppich untergeschoben zu haben, wühlte sich mit seinen kurzsichtigen Augen und langen Armen durch die Aggregate, zog hie und da ein Schräubchen fest, verteilte gelegentlich ein Tröpfchen Öl, sparsam, wegen der Umwelt und des Geldbeutels, kurbelte an der Lichtmaschine, prüfte den Reifendruck und leckte an der Batterie, fand alles in Ordnung und bestem Zustande, drehte den Wagen liebevoll auf die Räder, hieß die holde Unangetraute einzusteigen, indem er unter Bücklingen die Tür offen hielt, klemmte sich hinters Steuer, startete, legte den ersten Gang ein und rammelte fortan zwei Stunden wie ein komplett Irrsinniger durch die Landschaften, denn im Auto wird einfach jeder zum Schwein.

Kleine Bildbeschreibung

Bei diesem schönen Bild fällt zuerst die aufwendig schraffierte Latzhose ins Auge. Getragen wird sie vom Arbeiter (alle Arbeiter haben stets einen überdimensionalen Maulschlüssel in der Hand, das kennt man ja, schließlich gibt es immer etwas fest- oder loszudrehen). Die Einheit von Arbeiterklasse und Intelligenz wird durch Frisur, Koteletten und Wangenbeulen versinnbildlicht. Der Eierkopf (Intelligenz) ist auch körperlich eiförmig angelegt, um seine, wenn es hart auf hart kommt, Unterlegenheit darzustellen.

Der Zeichner des schönen Bildes weiß nicht, wie ein Rohrpostsystem aussieht, es interessiert ihn auch nicht, deshalb hat er es sich am Abort abgeguckt, was aufs selbe rauskommt. Bisher ist ja auch noch nichts konstruiert worden, wahrscheinlich unterhalten sich die beiden über die Oberligaergebnisse. So, wie der Konstrukteur den Stift hält, wird das sowieso nichts, außerdem könnte er ja die EILROHRPOST mit dem Pflichtenheft öffnen, aber er hat seinen eigenen Eierkopf und macht einfach, was er will.

Insofern bildet das Werk die Realität passgenau ab und regt nur bedingt zum Nachdenken an. Aber die Knöpfe sind sehr liebevoll ausgearbeitet.

Herr Krah

Guten Tag, Herr Krah!
Bist du auch schon da?
Schwarz im Sonnenlicht?
Ja, es ruft die Pflicht.

Du brauchst deinen Napf.
Ich brauch meinen Schlapf.
Dreh mich nochmal um.
Na, da guckste dumm.

Kommst schon nicht zu Tod.
Vor dem Morgenrot
eilte schon mein Schatz
hin zum Futterplatz.

Anrufung

Müssen denn die Wolken
immer so verwischen,
als wenn sie in Raserei
übern Himmel zischen?

Kann nicht einfach Ruhe
es da oben geben?
So ein kleiner Kumulus
fest im Blauen kleben?

Einfach nur im Blauen,
ohne Narreteien?
Gut, von mir aus rundherum
ein paar Papageien.

Nur nicht diese Schlieren,
hingezognen Fäden,
wie in meinem Garten die
üblen Queckenpäden.

Also bitte Ordnung,
Chefchen hoch da droben!
Überlege ich mir sonst,
ob ich komm nach oben,

wenn der Himmel nach mir giert.
Kapiert?

Sittlicher Bericht

Oben auf dem glatten Stein
schnitt ich dir mein Herze ein.
Unten lag das Dorf im Schlaf,
oben lag ich bei dir brav,

denn der Stein war gut besucht.
Also blieben wir betucht,
liefen dann zu Meister Petz
hin ins Medvêd Hostinec.

Světlý Pivo vier, sechs, acht,
langsam wird es draußen Nacht.
Glücklich fassen wir uns an
und verschwinden still im Kahn.

Unter dem Lieblingsbaum

Karl Gong, der sich unter seinem Lieblingsbaum anhand der Tageszeitung gerade über die bevorstehende Ankunft der vierten Welle informierte, ignorierte die aus der Ferne herüberwehenden Anweisungen der Unangetrauten, zu beider Glück hatten sie vor kurzem mehrere Grundstücke von Bauer Schröpel in ihr Anwesen eingliedern können, so dass er durchaus Plätze zu finden in der Lage war, an denen er seine Ruhe hatte, und die die Holde lediglich auf dem Rücken eines ihrer Pferde erreichen konnte, was auch ihr sehr recht schien, die Blätter rauschten im Wind und der Truppentransporter im Anflug auf den nahen Flughafen brummte ihn in den Schlaf, Karl Gong also träumte von Chagallschen Pferden in roten Himmeln, entblößten Busen, das Alltägliche fliehenden Paaren, schwebend über unglaublich grünen Anwesen, nicht zu vergleichen dem seinen, zertrampelten, von Hühnern verwüsteten, erwachte schreiend, als im Dorf die Steinsägen und Rasenmäher ihr Werk begannen, schlich zum Haus, in dessen Tür die Geliebteste, die Arme in die Seiten gestemmt, stand und rief: „Kommst du jetzt endlich ins Bett, Karl?“

Ballade vom Schlossherrn

Da steht die Burg seit Hunderten
von Jahren trotzig-fest.
Worüber wir uns wunderten:
Kein Heer gab ihr den Rest.

So packten wir in unserm Schweiß
den Reiseführer aus
und lasen deutlich schwarz auf weiß:
Hier steht kein Herrenhaus.

Hier steht des Fischers Hüttenbau,
aus Backstein, Lehm und Holz,
nach vorne Farbe, hinten rauh.
Das Boot ist eh sein Stolz,

im Hafen vorn, in rot und blau,
die Möwen sind sein Team.
Wir kriegen Fisch von seiner Frau
und neigen uns vor ihm.

Kleine Bildbeschreibung

Das Saratower-System (mit Bindestrich) quillt in dicken schwarzen Rußwolken aus den Schloten, sonst wäre es nicht sichtbar. Die Fabrik erscheint aufgeräumt, es liegen weder Schrott noch Zulieferteile auf dem Hof, was ungewöhnlich ist. Vielleicht arbeitet ja auch niemand, stehen doch die Werktätigen alle unproduktiv im Kreis herum und halten Maulaffen feil.

Sie scheinen erzürnt zu sein, manche ratlos, man ballt die Fäuste. Was ist der Grund? Ein bemitleidenswerter Kobold, dem jemand „Dauerfehler“ auf den Bauch gemalt hat. Aber was ist ein Dauerfehler? Dauert es lange, ihn zu machen? Macht man ihn permanent? Oder ist es wie beim Dauerkeks, dass er sich einfach nur lange hält, man ihn in der Schublade vergisst, bis er in einer Schichtpause zum Vorschein kommt und mit Genuss verzehrt wird?

Vielleicht ist er aber auch, was das Bild durchaus nahelegt, aus dem mysteriösen Buch „Saratow“ geschlüpft und einfach Teil des Saratower-Systems, ein Systemfehler also?

Mir jedenfalls tut der niedliche Dauerfehler leid, und ich wünsche ihm alles Gute. Vielleicht gelingt es ihm ja, als Dauerläufer (Wortspiel!), den bösen Werktätigen zu entkommen und sich im Ruß zu verbergen. Insofern hat mich das Bild zum Nachdenken angeregt. Das ist schön.

Das diverse Sonett

Die harten, hellen Tage.
Die dunkelkalten Nächte.
Eindeutig ist das Schlechte,
und zweifellos die Plage.

Schön ist das Ungefähre,
die Zwischenwelt, ein Schimmer,
ein unbestimmter Glimmer.
Perfekt ist die Chimäre.

Denn sinkt die Sonne nieder,
den Wolken ins Gefieder,
der See ins bunte Bad,

dann stehen alle staunend
und malträtieren raunend
den Lichtbildapparat.